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Aktuelles



die New York Times schreibt über die neue Doppelmoppel CD

2008/4/13

http://www.nytimes.com/2008/04/13/arts/music/13play.html?_r=1&ref=todayspaper&oref=slogin

The German free-improvisation quartet Doppelmoppel has completely bizarre instrumentation for any genre: two trombones, one acoustic guitar, one electric guitar. It has survived for more than 25 years, very intermittently, because all four members have the sort of working lives that free improvisers do, with one far-flung project after another. But on “Outside This Area” (Intakt), its new record, Doppelmoppel sounds in easy, familiar agreement. The trombone-playing Bauer brothers, Conny and Johannes, set up opposing long tones and melodic figures or fill in each other’s spaces while the two guitarists play games of opposites: Uwe Kropinski uses swing rhythm and graceful chords, whereas Joe Sachse loves the rumble and clank of electric noise. They all take turns making up for the lack of a rhythm section. It’s an unorthodox, funny and coordinated record, free from a unified genre language.
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Ulrich Stock


Bauer - Bauer - Kropinski - Sachse. Doppelmoppel

Outside This Area
Liner Notes Intakt CD 136

 

Musik ist eine Kunst des Moments, improvisierte zumal, gleichwohl kann sie Geschichte schreiben wie die von
Doppelmoppel. 25 Jahre alt ist die erste Platte des höchst ungewöhnlichen Quartetts aus zwei Gitarren und zwei
Posaunen. Wer hätte bei ihrem Erscheinen 1982 gedacht, dass die schräge Besetzung von solcher Dauer wäre? Die
Ad-hoc-Band, die nach Lust und Laune immer wieder zusammenfindet, sollte sogar den Staat überleben, dem sie
entsprang.


Conrad Bauer Quartett/DDR stand als Gruppenname auf dem Debüt Round About Mittweida: Warum die Westberliner
Plattenfirma FMP nicht Doppelmoppel auf die Hülle schrieb, weiß der Produzent Jost Gebers heute nicht mehr zu
sagen: «Vielleicht klang uns das zu deutsch?» Quartett klang damals offenbar besser, und Conny Bauer musste
herhalten, da er von den vieren aus der Deutschen Demokratischen Republik der international am wenigsten
Unbekannte war: Als erster freiberuflicher Jazzmusiker seines sozialistischen Heimatlandes konnte er schon Ende der
siebziger Jahre in den Westen reisen, als andere noch hinter der Mauer spielen mussten.


Doppelmoppel, das klang nicht nur deutsch: Die Besetzung bildete in schönster Koinzidenz die Gespaltenheit des
Landes nach. Das Quartett zerfiel in zwei zwillingshaft-ähnliche Posaune-Gitarre-Duos, die sich nach Hemisphären
streng getrennt auf die Stereokanäle verteilten: Bauer/Kropinski hier, Bauer/Sachse da. Die Stücke trugen
beziehungsreiche Titel: Südlich, Östlich, Nördlich, Westlich. Es ist nicht auszuschließen, dass sich ein Jazzwächter im
DDR-Kulturministerium über die in Westberlin veröffentlichte Langspielplatte beugte und argwöhnisch registrierte,
dass die Improvisation Westlich 2 Minuten und 38 Sekunden länger war als die Improvisation Östlich. Hörte sie sich
möglicherweise auch besser an?


Doppelmoppel blieb von der politischen Willkür einigermaßen verschont. Obwohl ein Bruder Conny und Johannes
Bauers, ebenfalls Musiker, das Deutschland gewechselt hatte, durfte das Quartett hüben wie drüben spielen. Ihre
Idee von Freiheit kam auf der Bühne ohne Worte aus, das half ihnen, der Zensur zu entgehen. Von ihrem Publikum
verstanden wurden sie auch so.


Im Osten füllten sie große Häuser, und sogar jemand, der nur gekommen war, weil es kaum Kulturveranstaltungen
gab, konnte übers Hören ins Staunen und Träumen geraten. Im Westen war es anders. Da traten sie in weltweite
Konkurrenz, die sie bestehen mussten. Das Unamerikanische verlieh ihrem Spiel Würze. Bald galten sie als poetische
Virtuosen des Ostens, in Jazzkellern umjubelt.


Weil aber Doppelmoppel so durch und durch deutsch ist, schlug die politische Geographie zu und zerriss das Quartett
im Dezember des Jahres 1986, als Uwe Kropinski nach einem Auftritt in München das Delikt der «Republikflucht»
beging und sich in den Westen absetzte. Damit war ihm bei Strafe die Rückkehr in die DDR verwehrt, und
gemeinsame Konzerte mit ihm in Nürnberg oder Köln wären den anderen drei nicht genehmigt worden. Allein die
Frage danach hätte sie in größte Schwierigkeiten gebracht.


Dann, 1989, kam die Wende. Die sozialistische DDR zerfiel unter dem Druck fortdauernder Demonstrationen und mit
ihr zunächst alles an etablierter Kultur. Ostdeutschen Jazz wollte im Osten niemand mehr hören. Die Umgebürgerten
mussten erst einmal die Regeln des kapitalistischen Systems erlernen und mit dem bisschen Geld, das sie hatten,
nach Italien, Spanien oder Frankreich fahren. Den Nachholbedarf stillen. Es dauerte einige Jahre, bis die Band
wiedervereinigt war, auch mit ihrem Publikum.


Uwe Kropinski zog zurück in den Osten, der jetzt ein Teil des Westens ist, und so leben wieder alle vier auf dem
ursprünglichen und inzwischen doch völlig veränderten Territorium. Dass sie ihr neues Album mit elf Spaziergängen
ins Freie Outside This Area nennen, ist eine hübsche Pointe in der bewegten Geschichte dieser Band.


Berlin zeigt sich im Jahr 2007 als ein vibrierendes Zentrum der innovativen Jazz-Szene, und längst ist das Interesse
an der freien Musik auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR neu erwacht; Joe Sachse, Uwe Kropinski, Johannes
und Conny Bauer fragen durch ihre Gegenwart nach einer Vergangenheit, die genau und nicht pauschal betrachtet
werden will. Legt man Round About Mittweida (benannt nach Joe Sachses sächsischer Heimatstadt) und Outside This
Area nacheinander auf, so ermuntern sie den Hörer zu subtilen Vergleichen: Welches Album klingt frischer, kühner,
vielfältiger, moderner?


Die Klischees versagen bei der Analyse, da nicht einmal die Umstände der Aufnahmen den gängigen Annahmen
entsprechen. Das Debüt wurde zu DDR-Zeiten in Westberlin eingespielt, die jüngste Platte in einem historischen
Studio des DDR-Rundfunkgebäudes in Ostberlin.


Bei Doppelmoppel geschah und geschieht so viel entgegen der Erwartung, dass dem Hörer als verlässliche Größe
allein die Musik bleibt. Und wie schön ist das! Wenn die Kunst den Moment überwindet und sich der Zukunft in
Erinnerung bringen kann, jenseits aller System- und Gebietsfragen, damals wie heute.



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